Wie Sie Ihre persönlichen (negativen) Glaubenssätze „über Bord werfen“ und auflösen (Teil 2 - Reframing)

Wie Sie Ihre persönlichen (negativen) Glaubenssätze „über Bord werfen“ und auflösen (Teil 2 – Reframing)

„Weil ich kein Abitur habe, kann ich keine Karriere machen.“

„Weil ich klein bin, nimmt mich keiner ernst.“

„Weil ich zu schüchtern bin, werde ich nie einen Partner finden.“

„Weil ich an meinen Fingernägeln kaue / einen Pickel habe / zugenommen habe / nicht unterhaltsam genug bin, muss ich mich verstecken.

Endlos könnte ich dies so weiterführen. Eine Liste von Glaubenssätzen, die so viele von uns einschränken und uns letztendlich von dem abhalten, was wir wirklich wollen. Solche Sätze bremsen unseren Erfolg, Beziehungen, die Gesundheit, die Verwirklichung von Träumen aus – vielfach verhindern sie diese sogar komplett.

Die gute Nachricht für Sie und uns alle ist: es sind (glücklicherweise) nur Glaubenssätze!!!

Diese kann man loslassen lernen. Sie bekommen nachstehend eine Technik an die Hand, mit der Sie sich befreien können von dem ganzen unliebsamen Gedankenmüll, der Sie vielleicht schon länger belastet, zeitweise fertigmacht. Diese Technik entspringt einer Analyse der erfolgreichsten Psychotherapeuten und heißt „Reframing“. Sie könnte Ihr Schlüssel zu einer neuen Realität sein, die Sie sich selber bauen – genau so, wie Sie Ihre bisherige (aber leider eher negativ geprägte) selber gebaut haben. Ihre wahrgenommene Realität ist nämlich nichts anderes ein Haufen von Glaubenssätzen, nach denen sämtliche Erfahrungen verzerrt, eingeordnet und bewertet werden.

Einschränkende Glaubenssätze erkennen

Glaubenssätze sind Sätze, an die wir glauben. Sie sind größtenteils unbewusste Gedanken, die unser Bild von uns selbst, den Mitmenschen und der Welt prägen und damit unsere Entscheidungen, unser Verhalten und unser Erleben.

Ein Glaubenssatz hat die Form: Aus X (Ursache) folgt Y (Ergebnis).

Also, wie oben gesehen:

  • Weil ich kein Abitur habe (X), kann ich keine Karriere machen (Y).

Oder – ganz ähnlich, statt mit „weil“ mit „wenn“:

  • Wenn ich die Prüfung nicht schaffe (Ursache), bin ich ein Versager (Ergebnis).

Es gibt darüber hinaus universelle Glaubenssätze, wie „Ich bin blöd“, die „Welt ist gut“ oder „Die Welt ist schlecht“. Dort zeigt sich die Form „Wenn X, dann folgt Y“ nicht. Sie liegt aber auch in diesen Fällen im Verborgenen dahinter. Wer glaubt, die Welt sei schlecht, hat Erfahrungen gemacht, die ihn „Die Welt ist schlecht“ haben verinnerlichen lassen. Man kann daher auch einen universellen Glaubenssatz aufdröseln und wird bemerken: hinter „Die Welt ist schlecht“ stehen Sätze wie „Weil ich im Job ständig schlecht behandelt werde, ist die Welt schlecht“ oder „Weil mir immer die Parkplätze weggeschnappt werden, ist die Welt schlecht“. Bei universellen Glaubenssätzen gilt es, sich dahinterstehende Aus-X-folgt-Y-Sätze bewusst zu machen, weil man mit diesen besser arbeiten kann.

Aber – genug der trockenen Theorie.

Welchen Glaubenssatz möchten Sie loslassen? Welcher hindert Sie, belastet Sie, schränkt Sie besonders ein?

Vielleicht müssen Sie sich zunächst etwas Zeit nehmen, um sich Ihre einschränkenden Glaubenssätze wirklich bewusst zu machen.

Beobachten Sie dazu Ihre Gedanken. Was denken Sie über sich, über die Menschen, über die Welt etc.?

Bleiben wir beim oben genannten Beispiel mit der Karriere und dem Abitur: Sie würden vielleicht über Ihre Träume nachdenken, und Ihnen würde (mal wieder) klar werden, wie gerne Sie Karriere machen würden. Der Gedanke an Ihre Karriere würde Sie vielleicht für einen Moment in kribbelige, freudige Aufregung versetzen. Aber – schon kurz darauf würde der Aufregung die Resignation folgen. Sie würden sich beim Gedanken „Ich werde nie Karriere machen“ ertappen. Im nächsten Schritt würden Sie nach Gründen suchen, warum Sie glauben, nie Karriere machen zu können. Ihr Grund dafür wäre „Weil ich kein Abitur habe, werde ich nie Karriere machen“. Damit haben Sie einen Glaubenssatz aufgedeckt, der Ihnen absolut im Weg steht.

Nicht alle Glaubenssätze kann man jedoch allein aufdecken – manchmal sind sie zu verdeckt und verborgen. Dann benötigt man dazu die Unterstützung eines (ausgebildeten) Coachs oder im „Extremfall“ eines Psychotherapeuten. Nach meiner beruflichen wie auch privaten Erfahrung kann man sich viele hinderliche Glaubenssätze jedoch auch ohne fremde Hilfe bewusstmachen, wenn man die eigenen Gedanken achtsam beobachtet.

Wie Sie sich von einschränkenden Glaubenssätzen in 30 Minuten befreien (können)

Es gibt einen Glaubenssatz, von dem Sie sich befreien wollen?

Dann beginnt nun das Reframing, das Auflösen des Glaubenssatzes.

Die 30 Minuten für die Übung sind lediglich ein Richtwert. Manchmal können Sekunden reichen, um alte Glaubenssätze loszulassen, manchmal sind es Minuten, manchmal aber eben auch deutlich mehr. Nehmen Sie sich so viel oder so wenig Zeit, wie Sie benötigen bzw. brauchen. Ich selbst habe die Technik in einer mehrmonatigen Ausbildung gelernt und zeitweise so intensiv genutzt, dass mir „schwindlig“ wurde – , aber das muss meistens nicht sein. Anstrengend ist es aber immer, weil mehr oder weniger tiefe Überzeugungen aus allen möglichen Winkeln attackiert werden.

Ziel des Reframings ist, etwas anders zu sehen als bisher, sodass der alte Glaubenssatz den neuen Erkenntnissen nicht mehr standhalten kann und verschwindet. Der Mensch mit dem Ich-werde-nie-Karriere-machen-ohne-Abi-Beispiel würde nach einem erfolgreichen Reframing vielleicht denken und glauben: „Ich kann Karriere machen. Ja, ich habe kein Abi, aber es gibt viele Menschen, die es weit gebracht haben und nie zur Schule gegangen sind, dann kann ich es ja wohl auch schaffen“. Die alte, behindernde Logik „Kein Abi, keine Karriere“ würde einfach nicht mehr standhalten. Das Loslassen geschieht dann automatisch.

Ich werde Ihnen das Reframing gleich anhand zweier Beispiele zeigen.

Stellen Sie sich vor, Ihr Glaubenssatz wäre ein gewöhnlicher Stuhl mit gewöhnlichen vier Stuhlbeinen. Und stellen Sie sich vor, dass das Reframing ein hungriger, schlauer Biber ist, der am Holz der Stuhlbeine nagt. Und zwar so lange, bis der Stuhl umkippt. So wird auch der Glaubenssatz „umkippen“, wenn wir mit den Fragen des Reframings an dessen Glaubwürdigkeit und Logik nagen.

Die folgenden Ansätze zum Reframing sind angelehnt an entsprechender Literatur zum NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) und dem Reframing.

Beispiel 1: Wir wenden die Technik direkt auf unser Beispiel an, das ja lautet:

„Weil ich kein Abitur habe (X), kann ich keine Karriere machen (Y).“

Manche Ansätze überschneiden sich und kommen Ihnen vielleicht überflüssig vor. Sie sind es aber nicht. Sie haben vielleicht nur einen leicht anderen Winkel, in dem sie an den Stuhlbeinen des Glaubenssatzes nagen, aber die kleine Änderung kann entscheidend sein, um den Stuhl zum Einsturz zu bringen.

Nehmen Sie also Ihren Glaubenssatz – münzen Sie die Fragen entsprechend auf ihn um und versuchen Sie, die Fragen so konzentriert wie möglich zu bedenken und zu beantworten.

1) Die Absicht des Glaubenssatzes gegen den Glaubenssatz verwenden: Mit dem Glaubenssatz wollen Sie sich vor Enttäuschungen schützen – Sie glauben, wenn Sie versuchen, ohne Abi Karriere zu machen, können Sie nur scheitern. Aber haben nicht nur Leute, die sich nie eine Karriere zugetraut haben, so einen Glaubenssatz? Ist nicht die größte Enttäuschung die, es nie zu versuchen, das größte Scheitern, sich selbst so klein zu machen?  Ist dieser Glaubenssatz nicht eine Karriere der Selbstentwertung?

2) Konsequenz des Beibehaltens: Wenn Sie an diesem Glaubenssatz festhalten, werden Sie definitiv nie Karriere machen können. Und weil ein Selbstzweifel zum nächsten führt, werden Sie sich immer weniger zutrauen und sich immer weiter einschränken. Wollen Sie das? Und wollen Sie am Lebensende zurückschauen und sich eingestehen müssen, dass Sie so viele Chancen hatten, sie aber eines Glaubenssatzes zuliebe nie genutzt haben?

3) Andere Konsequenz (Y ändern): Könnte es sein, dass Ihr „fehlendes“ Abi Sie nicht einschränkt, sondern befreit? Dass Sie so leichter das tun können, worauf Sie wirklich Lust haben, als das, was „fürs Karrieremachen“ der nächste und übernächste Schritt gewesen wäre (BWL-Studium? Praktikum in einem Konzern?), dass starre Erwartungen Ihrer Mitmenschen ohnehin nicht mehr erfüllbar sind (Medizinstudium, Jura-Studium, …)?

4) Umdefinieren (X ändern): Nicht das fehlende Abi, sondern fehlender Mut und fehlendes Selbstbewusstsein verhindern Ihre Karriere. Karriere machen Macher, keine Ausredensucher.

5) Konkretisieren: Was GENAU bedeutet Karriere? Woran würden Sie erkennen, dass Sie Karriere machen – und woran, dass Sie sie nicht machen? Welche Bilder und Stimmen haben Sie im Kopf, wenn Sie darüber nachdenken? Wer entscheidet darüber, dass man Abitur haben muss, um Karriere zu machen? Welche Rolle spielt die Abschlussnote dabei? Außerdem: man kann doch an Fachhochschulen sogar ohne Abi studieren – heißt das dann, das ein Studium weniger wert ist als ein bestimmter Schulabschluss?

6) Verallgemeinern: Wollen Sie damit sagen, dass jemand NIE und NIRGENDS jemand Karriere machen kann, wenn er kein Abitur hat?

7) Gegenbeispiel: Hat noch nie jemand ohne Abitur Karriere gemacht? Steve Jobs zum Beispiel hat die Schule abgebrochen – hatte er keine Karriere? Gibt es nicht heute immer mehr Menschen, die ohne Abi bewundernswerte Karrieren hinlegen?

8) Rahmengröße verändern: Was würde der Welt fehlen, wenn Sie es aufgrund des fehlenden Abiturs nie wagen, Ihre Karriere anzustreben? Was würde passieren, wenn sich alle Menschen so von ihrem Schulabschluss einschränken ließen? Und würden Sie wollen, dass Ihre Kinder auch glauben, ohne Abitur niemals eine Chance auf beruflichen Erfolg zu haben?

9) Prioritäten überprüfen: Ist Selbstverwirklichung und ein erfülltes, erfreutes, buntes Leben nicht viel wichtiger als Karriere? Vielleicht ist es wichtiger, seinen individuellen Beitrag zur Welt zu leisten, statt irgendeiner Karriere hinterher zu hetzen? Was ist Ihnen wichtiger als „Karriere“ – und braucht man dafür stets ein Abitur?

10) Entstehung hinterfragen: Woher kommt Ihr Glaubenssatz? Wollte Ihnen nur jemand einreden, dass Sie es ohne Abi nicht schaffen können, um sich selbst besser zu fühlen? Oder haben Sie ihn von jemandem aufgeschnappt, der überhaupt keine Ahnung davon hat, was für eine Karriere notwendig ist und was nicht?

Beispiel 2: Wir setzen das Reframing noch für ein weiteres Beispiel ein. Manchmal werden einzelne Reframing-Ansätze deutlicher, wenn man sie in mehr als einem Fall angewendet werden.

Nehmen wir für Beispiel 2 einen weit verbreiteten Glaubenssatz, der einem Virus gleich die Köpfe junger und älterer Menschen infiziert, um deren Lebendigkeit und viele individuelle Träume zu zerstören.

Es ist der Glaubenssatz: „Wenn ich nicht viel Geld verdiene, bin ich weniger wert.“

1) Die Absicht des Glaubenssatzes gegen den Glaubenssatz verwenden: Vielleicht wollen Sie sich mit dem Glaubenssatz dazu antreiben, im Beruf genug zu erreichen, um sich selbstbewusst zu fühlen und Ihren Wert als Mensch, Mann/Frau, Partner, Vater/Mutter/Tochter/Sohn zu bestätigen. Doch Menschen, die ihr Selbstwertgefühl so stark von etwas Äußerlichen wie Geld abhängig machen, haben in Wahrheit nur ein sehr geringes Selbstwertgefühl.

2) Konsequenz des Beibehaltens: Wenn Sie an diesem Glaubenssatz festhalten, werden Sie Ihr ganzes Leben lang so beschäftigt mit Geldverdienen sein, dass Sie keine Chance haben, echtes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Und auch kaum Zeit, wirklich wertvoll für sich selbst und Deine Mitmenschen zu sein – als saugender, nur auf Geld fixiertes, sein Lebenselixier aus dem Geld ziehender Zombie ist das nämlich nicht möglich.

3) Andere Konsequenz (Y ändern): Könnte es sein, dass Sie sich mehr auf das wirklich Wichtige konzentrieren können, wenn Sie weniger Geld haben, weil Sie keine Angst haben müssen, weniger zu verdienen oder die Ersparnisse zu verlieren?

4) Umdefinieren (X ändern): Nicht ein geringeres Einkommen lässt Sie sich wertlos fühlen, sondern der irreführende Gedanke, dass Ihr Wert vom Geld abhängt.

5) Konkretisieren: Was GENAU bedeutet „viel Geld“? Wie viel im Monat? Brutto? Netto? Wie viel auf dem Konto? In welcher Zeit? Und was GENAU bedeutet „weniger“ wert sein? 10%, 20%, 99% weniger wert? Und woran erkennen Sie, wie viel Prozent weniger Sie wert sind? Oder entscheidet das jemand anderes? Wenn ja, wer? Was heißt außerdem „verdienen“?

6) Verallgemeinern: Wollen Sie sagen, dass JEDER weniger wert ist, wenn er nicht viel Geld verdient? Und wollen Sie auch über meinen Wert richten oder über den Ihrer Anderen – anhand des Einkommens? Lieben Sie Ihre Kinder auch weniger, wenn sie als Erwachsene nicht viel Geld verdienen?

7) Gegenbeispiel: Wenn Ihr Glaubenssatz stimmt, dann wären z.B. Gandhi und Jesus ziemlich wertlos gewesen. Welche von Ihren geschätzten und geliebten, aber nicht viel Geld verdienenden Menschen sind danach auch weniger wert?

8) Rahmengröße verändern: Wie wäre die Welt, wenn sich alle Menschen weniger wertvoll fühlen würden, wenn sie weniger Geld verdienen? Oder andersherum: wie wäre die Welt, wenn kein Mensch mehr seinen Selbstwert vom Einkommen abhängig machen würde? Da nicht jeder viel Geld haben kann – sind also die meisten Menschen wertlos? Würde es Sie traurig machen, wenn Ihre Kinder Ihren Glaubenssatz adoptieren (Kinder nehmen derartiges ja sehr intensiv selbst auf)?

9) Prioritäten überprüfen: Was entscheidet wirklich über den Wert eines Menschen? Was ist Ihnen wirklich wichtig? Zeit mit Ihrer Familie, Ihren Freunden, Zeit für sich selbst oder Ihre Leidenschaften?

10) Entstehung hinterfragen: Woher kommt Ihr Glaubenssatz? Von Menschen, die so leben und für sich auch im Inneren das erreicht haben, das Sie selbst erreichen möchten – oder von solchen, die Sie wegen ihrer Abhängigkeit vom Geld bedauern?

Wenn Sie das Reframing ernsthaft durchführen, kann es sich so anfühlen, als würde Ihr Kopf qualmen. Das ist meiner Erfahrung nach ein gutes Zeichen, ein sehr gutes sogar. Denn nach dem Qualm kommt beim Reframing die Leere und nach der Leere eine neue Freiheit sowie neuer Mut.

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